SERIE FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE: KLEINE GESCHICHTEN, UM GROSSES ZU BEWEGEN

(2) EINE WIRTSCHAFTSGESCHICHTE: “DIE EXPONENTIELLE AMEISE”

In den wenigsten Unternehmen rekrutieren sich die Mitarbeiter aus einem Heer von “Handelsblatt”-Abonnenten und Tech-Blog-Lesern. Diese Serie hilft Führungskräften mit kleinen Geschichten, wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich zu vereinfachen, um bei Mitarbeitern drängende Themen zu platzieren.

Im letzten Artikel habe ich beschrieben, wie ein großes Unternehmen wie Kodak in kürzester Zeit aus dem kollektiven Wirtschaftsgedächtnis verschwindet. Um das zu verstehen und auch seinen Mitarbeiter begreiflich zu machen, muss der Mensch erst einmal das Grundkonzept von exponentiellem Wachstum und die damit verbundene Gefahr verstehen. Hier eine Geschichte, mit der sie das Phänomen erklären und ihren Mitarbeitern „Eine-scheiß-Angst“ machen, Entschuldigung, ihre Mitarbeiter für das Thema sensibilisieren können.

Mathematik ist für mich immer etwas sehr Abstraktes geblieben. Vor allem dann, wenn  mir vertraute mathematische Konzepte, wie schriftliche Addition oder Winkelberechnungen von gleichseitigen Dreiecken, um Dinge wie „Exponentialrechnung“ erweitert wurden. Sollten Sie jetzt die Nase rümpfen, weil sie in Schule, Ausbildung und Studium diverse mathematische Gewitter überstanden oder sogar geliebt haben, glauben sie mir: Auch in ihrem Unternehmen sind Menschen beschäftigt, die schlicht und ergreifend nicht rechnen können. Zumindest fehlt ihnen die Vorstellungskraft für große Zahlen. Die meisten davon sitzen übrigens im Marketing.

DIE AUSGANGSSITUATION

Vielleicht haben sie die Kodak-Geschichte schon erzählt, oder, noch besser, auf Basis dieser Story eine eigene Geschichte mit dem Background ihres Unternehmens kreiert. Bleibt die Frage: Wie erkläre ich exponentielles Wachstum? Und warum ist exponentielles Wachstum im Zuge der Digitalisierung so gefährlich für klassische Unternehmen? Studierte Mathematiker würden diesen komplexen Vorgang einfach runter brechen auf populär-wissenschaftliches Niveau:

„Beim Modell des exponentiellen Wachstums ist die Änderung Bn+1 – Bn (kontinuierlicher Fall) bzw. B’(t) (kontinuierlicher Fall) der Bestandsgröße proportional zum Bestand. Im diskreten Fall ergibt sich sich der neue Bestandswert für positives Wachstum, indem zum alten Wert das Produkt des alten Wertes mit einer positive Konstanten addiert bzw. bei negativem Wachstum abgezogen wird.“  (Wikipedia: Exponentielles Wachstum)

Mein Tipp: Das können Sie auch so erzählen, dass es jeder versteht!

MIT WELCHER GESCHICHTE SIE EXPONENTIELLES WACHSTUM GREIFBAR (UND EIN BISSCHEN EKLIG) MACHEN 

In meinen Vorträgen habe ich ein Einmachglas dabei. Das kennen sie, da hat ihre Oma immer Früchte für den Winter eingemacht. Wie man es öffnet wissen sie auch, das haben sie beim Öffnen ihrer ersten Flasche „Flensburger“ gelernt. Plopp.

In dem Glas mit dem Aufdruck „Die exponentielle Ameise“ befindet sich, Überraschung,  eine Ameise. Kein lebendes Tier natürlich, sondern simuliert durch ein Kunststoff-Insekt.

Jetzt erkläre ich am Beispiel der Ameise den Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Wachstum:

„Lineares Wachstum ist einfach. Das kennt jeder: Aus 1 wird 2. Aus 2 wird 3. Aus 3 wird 4 wird 5 wird 6 wird 7 und so weiter. Dieser Vortrag dauert noch 45 Minuten. Wenn sich diese Ameise, die ich jetzt freilasse, bis zum Ende des Vortrag linear vermehrt, dann haben wir 45 Ameisen hier im Raum. Das ist nicht schön, aber das können wir händeln. In die Wirtschaft übersetzt: Wenn ihr Wettbewerb linear wächst ist das zwar nicht schön, aber sie haben Zeit Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Exponentielles Wachstum dagegen heißt: Aus 1 wird 2. Aus 2 wird 4. Aus 4 wird 8, aus 8 wird 16 wird 32 wird 64 wird 128.

Für unsere Ameise bedeutet das: Wenn sich das Tier in den nächsten 45 Minuten nicht mehr linear vermehrt (Ergebnis 45 Ameisen), sondern exponentiell, dann sind nach

10 Minuten = 1.024 Ameisen im Raum

15 Minuten = 32.768 Ameisen im Raum

30 Minuten = 1.073.741.824 Ameisen im Raum

45 Minuten =  35.184.372.088.832 im Raum

Und 35 Billionen Ameisen hier im Raum oder auf ihrem Firmengelände: Das ist nicht nur ein bisschen unangenehm. 35 Billionen Ameisen sind tödlich.“

Und genauso entwickeln sich digitale Geschäftsmodelle. Natürlich wachsen sie nicht unendlich, wie die Zahl der Ameisen in diesem Beispiel. Aber wenn sie sich die Zahlen als mathematischen Graphen in einem Koordinatensystem mit x- und y-Achse vorstellen, dann haben sie die sogenannte „Hockey-Stick-Growthcurve“. Die Kurve, die jeder Besitzer eines Kapuzen-Pullovers und eines Laptops im Silicon Valley an die Wand schmeißt um Investoren für seine Bude zu gewinnen.

Dieses Wachstum ist wie ein Tsunami. Die Welle dabei wächst im Untergrund, kaum merklich. Irgendwann bauscht sie sich auf und schlägt auf die Küste. Das Instagram zwischen Oktober und Dezember 2011 in nur drei Monaten 100.000 auf 1.000.000 Nutzer angewachsen ist, dürften die Wenigsten mitbekommen haben. Aber nur ein Jahr später, im Dezember 2012, hatte Instagram bereits 15 Millionen Nutzer. Heute wurde die App bereits 700.000.000 Mal runter geladen (Stand: April 2017). Die Wucht des digitalen Tsunamis hat Kodak im Geschäftsfeld „Erinnerungen speichern“ einfach zerschmettert.

 

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CREDO:

Wenn ihr Unternehmen durch digitale und damit ggf. exponentiell wachsende Geschäftsmodelle bedroht ist, dann machen sie ihre Leute mit den Grundzügen von exponentiellem Wachstum vertraut. Erst dann erklären sie die Strategie ihres Unternehmens, um sich diesen Gewalten entgegenzustellen.

WIRKUNG:

Ihre Mitarbeiter verstehen, worum es überhaupt geht. Was exponentielles Wachstum bedeutet und wie die Auswirkungen sind. Die Vorstellung sich mit 32.768 Ameisen das Büro oder den Firmenparkplatz teilen zu müssen macht die Gefahr greifbar und öffnet ihre Mitarbeiter für dieses Thema. Im Verkauf ist das Thema natürlich längst präsent. Hier geht es nicht mehr darum, digitales Wachstum zu erkennen. Hier ist der digitale Tsunami längst auf der Küste aufgeschlagen. Hier geht es um Überlebensstrategien und darum, wie man seine Zelte da aufschlägt, wo keine Algorithmen hinkommen. Dazu später mehr in einem anderen Artikel.

Mehr Wirtschaftsgeschichten? Diese Reihe wird fortgesetzt. – Wenn Sie möchten, das ich für Sie ihre Mitarbeiter, speziell im Verkauf, “wachrüttel”, dann schildern Sie mir doch ihr Problem und wir entwickeln eine Idee für Ihr Unternehmen. Oder Sie buchen mich für einen Vortrag für ihr nächstes Meeting, ihre nächste Tagung oder den nächsten Kongress. Schreiben Sie mich an:

www.torsten-wille.com/kontakt

 

QUELLEN:

Bildnachweis: https://www.macstories.net/news/instagrams-rise-to-30-million-users-visualized/

Definition “Exponentielles Wachstum”: Wikipedia

Buchempfehlung zum Thema: BOLD / Peter H. Diamandis